Foto: Markus Freiberger

Auslandssemester in China

Verkehrte Welt

Veröffentlicht am 3. Oktober 2021 von Max Danhauser

Mar­kus Frei­ber­ger hat eine ande­re Welt ken­nen­ge­lernt. Eine Welt mit ande­ren Dimen­sio­nen, Über­wa­chung und einer unvor­stell­ba­ren Arbeits­kul­tur. Der damals 23-jäh­ri­ge Che­mie­stu­dent aus Erlan­gen war im Win­ter 2019/2020 ein Semes­ter im chi­ne­si­schen Shen­zhen und erleb­te den Aus­bruch der Pan­de­mie haut­nah mit.

Der Boom

Vor rund 40 Jah­ren war das ein paar Kilo­me­ter nörd­lich von Hong­kong gele­ge­ne Shen­zhen noch ein unbe­kann­tes Fischer­ört­chen. Ein paar tau­send Men­schen leb­ten dort. Heu­te ist es eine Mil­lio­nen­me­tro­po­le. Je nach Quel­le schwan­ken die Ein­woh­ner­zah­len zwi­schen zwölf und 17,5 Mil­lio­nen. Hun­der­te Wol­ken­krat­zer auf einer Flä­che, die etwa zwei­ein­halb Mal so groß ist wie Ber­lin, erin­nert sich Frei­ber­ger. “Ein Bericht der ver­ein­ten Natio­nen nann­te Shen­zhen in die­sem Zusam­men­hang die am schnells­ten wach­sen­de Stadt der Mensch­heits­ge­schich­te.” Der Staat schreibt sich auf die Fah­nen, das “chi­ne­si­sche Sili­con Val­ley”, wie die Stadt mitt­ler­wei­le oft genannt wird, aus der Tau­fe geho­ben zu haben. Es gelang, Unter­neh­men unter ande­rem aus der IT-Bran­che anzu­lo­cken, die Stadt und Ent­wick­lung bis heu­te prä­gen. Unter ande­rem ist der Kon­zern Hua­wei in Shen­zhen ansässig. 

Mar­kus Frei­ber­ger lernt Land und Leu­te ken­nen. Foto: Mar­kus Freiberger

Die Überwachung

Der Fort­schritt und die Digi­ta­li­sie­rung haben auch ihre Schat­ten­sei­ten. “Eine der Sachen, die mir in Shen­zhen auch von Anfang an auf­ge­fal­len sind, ist die über­wäl­ti­gen­de Anzahl an öffent­li­chen Kame­ras”, sagt Frei­ber­ger. Rund drei Mil­lio­nen sol­cher Kame­ras gäbe es in der Stadt. Erfasst wer­den Per­so­nen und Fahr­zeu­ge. “So kann man bei­spiels­wei­se bei Rot über die Ampel fah­ren und bekommt nach weni­gen Sekun­den eine SMS mit dem Beweis­fo­to, dem Buß­geld und dem Ver­lust soge­nann­ter Sozi­al­punk­te zuge­sen­det.” Ein Sys­tem, dass sich noch in der Test­pha­se befin­de. Für die­ses Vor­ge­hen wur­de die Regie­rung in Chi­na immer wie­der kritisiert. 

Die Arbeitswelt

Ein gere­gel­ter Tag mit acht Stun­den Arbeits­tag und eine Fünf-Tage-Woche? Das ist auch in Chi­na offi­zi­ell üblich. Doch die Pra­xis sieht oft anders aus. 

„Von den meis­ten Leu­ten wird erwar­tet, zwölf Stun­den am Tag und min­des­tens sechs Tage die Woche zu arbei­ten, und das wohl­ge­merkt bei zehn Tagen Urlaub im gesam­ten Jahr“

Mar­kus Freiberger
In die­sem Labor ver­brach­te Mar­kus Frei­ber­ger sein Prak­ti­kum. Foto: Mar­kus Freiberger

Im Rah­men sei­nes Aus­lands­se­mes­ter war er an der ört­li­chen Uni­ver­si­tät tätig. “Im Gegen­satz zu den meis­ten ande­ren Aus­lands­stu­den­ten muss­te ich an der Shen­zhen-Uni­ver­si­tät kei­ne Vor­le­sun­gen besu­chen, da ich mei­ne 30 Aus­lands-ECTS mit einem Labor­prak­ti­kum able­gen woll­te.” Ein enger Kon­takt mit der FAU mach­te das mög­lich: Der Pro­fes­sor hat­te einst sei­ne Pro­mo­ti­on in Erlan­gen absol­viert. In des­sen Arbeits­grup­pe wur­de Frei­ber­ger aufgenommen. 

“In Chi­na wird von For­schern erwar­tet, täg­lich von acht bis 21 Uhr im Labor anwe­send zu sein, auch an den Wochen­en­den.” Frei­ber­ger nahm sich aber trotz­dem genü­gend Zeit her­aus, Land und Leu­te kennenzulernen. 

Die Pandemie

Den 20. Janu­ar 2020 wird Mar­kus Frei­ber­ger so schnell nicht ver­ges­sen. Als in Chi­na der Virus und sei­ne Anste­ckung zwi­schen Men­schen bekannt wur­de, hielt sich der Sti­pen­di­at noch in Shen­zhen auf. “Für mich hat sich zu die­sem Zeit­punkt aller­dings noch nicht all­zu viel geän­dert, da es für mei­ne Regi­on zunächst weder Aus­gangs– noch Rei­se­be­schrän­kun­gen gab.” Die meis­ten Men­schen waren zu die­ser Zeit längst unter­wegs zu Ver­wand­ten, um das chi­ne­si­sche Neu­jahr zu fei­ern. Frei­ber­ger schätzt, dass das auf rund 60 Pro­zent der Stadt­be­völ­ke­rung zutraf. Auch wenn die Stra­ßen etwas lee­rer erschie­nen, es hat­te sich etwas geän­dert: Immer mehr Leu­te hät­ten ange­fan­gen, Mas­ke zu tra­gen, berich­tet Frei­ber­ger. Über Virus und Infek­ti­ons­la­ge war noch wenig bekannt. Frei­ber­ger han­del­te. Er reis­te nach Hong­kong und flog am 28. Janu­ar zurück nach Deutschland.