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„Erneuerbare Energien zum Verstehen und Mitreden"

Schaffen wir Klimaneutralität bis 2035, Herr Holler?

Veröffentlicht am 2. Oktober 2021 von David Grzeschik

Chris­ti­an Hol­ler ist CdAS-Mit­glied und Pro­fes­sor für Inge­nieur­ma­the­ma­tik an der Hoch­schu­le Mün­chen. Seit eini­gen Jah­ren beschäf­tigt er sich inten­siv mit erneu­er­ba­ren Ener­gien. In sei­nem neus­ten Buch erklärt er, ob die Ener­gie­wen­de zu schaf­fen ist und was jeder Ein­zel­ne tun kann.

Ein Anlie­gen ist Chris­ti­an Hol­ler beson­ders wich­tig. „Jeder soll­te sich mit dem The­ma Ener­gie aus­ein­an­der­set­zen und nach­voll­zie­hen, wo sich die gro­ßen Hebel befin­den“. Die gro­ßen Hebel: Sie lie­gen laut dem Pro­fes­sor für Inge­nieur­ma­the­ma­tik unter ande­rem in den Berei­chen Hei­zung und Ver­kehr. „Und da kann ich natür­lich auch als Indi­vi­du­um etwas ver­än­dern. Etwa einen ordent­li­chen Öko­strom­ver­trag holen, weni­ger Auto­fah­ren und Flie­gen. Auch das Elek­tro­au­to wird zukünf­tig ver­mut­lich eine gro­ße Rol­le spie­len“, glaubt Chris­ti­an Hol­ler. Dass Plas­tik­tü­ten einen signi­fi­kan­ten Anteil am CO2-Aus­stoß aus­mach­ten, sei hin­ge­gen ein weit­ver­brei­te­ter Irrglaube.

Mit dem The­ma der erneu­er­ba­ren Ener­gien beschäf­tigt sich Hol­ler aus­führ­lich in sei­nem neu­en Buch „Erneu­er­ba­re Ener­gien zum Ver­ste­hen und Mit­re­den“. Geschrie­ben hat es Hol­ler mit sei­nen drei Co-Autoren Joa­chim Gau­kel, Flo­ri­an Lesch und dem aus dem TV bekann­ten Harald Lesch. Ziel der vier Wis­sen­schaft­ler ist es, Hin­ter­grün­de zu den erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len ver­ständ­lich zu ver­mit­teln. Wie ist es um die Ver­füg­bar­keit von Bio­mas­se bestellt? Wie­viel kann Son­nen­en­er­gie leis­ten? Und wird die Ener­gie­wen­de mit erneu­er­ba­ren Ener­gien gelin­gen? Hol­ler und sei­ne Kol­le­gen ver­su­chen, den Ant­wor­ten auf die­se Fra­gen näherzukommen.

Autor und Wis­sen­schaft­ler Hol­ler mit sei­nem neu­en Buch. Foto: Chris­ti­an Holler/ privat

The­ma­tisch schließt der pro­mo­vier­te Astro­phy­si­ker damit an sein ers­tes Buch „Erneu­er­ba­re Ener­gien ohne hei­ße Luft“ an, das er vor drei Jah­ren ver­öf­fent­licht hat. „Von den Inhal­ten her ist es gar nicht so viel anders. Wir haben aber fest­ge­stellt, dass das ers­te Buch für die All­ge­mein­heit an man­chen Stel­len zu phy­si­ka­lisch war“, erklärt der Pro­fes­sor, der wäh­rend sei­nes Phy­sik­stu­di­ums an der LMU in Mün­chen von der Hanns-Sei­del-Stif­tung geför­dert wor­den war. Mit dem neu­en Buch zielt er nun auf eine brei­te Öffent­lich­keit ab.

Dabei wird das The­ma der Ener­gie­ge­win­nung im gesell­schaft­li­chen Dis­kurs aktu­ell ver­mut­lich so stark dis­ku­tiert wie nie zuvor. „Bis­lang muss­ten wir uns mit dem The­ma Ener­gie bewusst nie aus­ein­an­der­set­zen. Der Strom kam immer aus der Steck­do­se und wir konn­ten immer so viel Auto­fah­ren und Flie­gen wie wir wol­len“, sagt Holler.

Das ver­stärk­te Bewusst­sein für die dro­hen­de Kli­ma­ka­ta­stro­phe habe dies ver­än­dert und Fra­gen der erneu­er­ba­ren Ener­gien in die Öffent­lich­keit gebracht.

Ein für man­chen über­ra­schen­des The­ma, das die Autoren im aktu­el­len Buch the­ma­ti­sie­ren, ist die Kern­ener­gie. „Emo­tio­nal ist das The­ma schwie­rig, weil es poli­tisch eigent­lich durch ist. Gesell­schaft­lich aber nicht. Die Dis­kus­si­on war vor fünf Jah­ren gerin­ger als heu­te und kommt zuneh­men wie­der hoch“, sagt Hol­ler. Dabei habe er sei­ne per­sön­li­che Hal­tung zu Atom­kraft über­dacht. „Als Phy­si­ker war ich lan­ge kein Atom­kraft­geg­ner. Je mehr ich mich mit ihr beschäf­tigt habe, des­to eher wur­de ich aber zu einem. Wenn man sich die Fak­ten anschaut, wird einem immer kla­rer, dass das kei­ne Zukunft hat“, sagt er. Ein Grund dafür sei, dass es schlicht nicht rea­lis­tisch sei, den gewal­ti­gen Ener­gie­hun­ger in Deutsch­land im Jahr 2050 über Atom­kraft­wer­ke zu decken. „Wenn ich das kom­plett über Kern­kraft schaf­fen woll­te, müss­ten wir in 20 Jah­ren 100 bis 150 Atom­kraft­wer­ke allein in Deutsch­land bau­en. Das ist jen­seits von jedem rea­lis­tisch erreich­ba­ren Ziel“, sagt Hol­ler.

Dabei hat der Exper­te für erneu­er­ba­re Ener­gien das Gefühl, dass sich die Poli­tik nicht traue, Men­schen in der Kli­ma- und Ener­gie­po­li­tik die unge­schön­te Wahr­heit zu sagen. „In der Demo­kra­tie besteht natür­lich die Gefahr, dass jemand nicht mehr gewählt wird, der unbe­lieb­te Din­ge sagt“, kon­sta­tiert Hol­ler. Den­noch glaubt er, man müs­sen den Men­schen die Wahr­heit auf den Tisch legen – und vor allem ehr­lich beschrei­ben, was gesche­he, wenn Kli­ma­neu­tra­li­tät nicht recht­zei­tig erreicht wird. „Häu­fig reden wir nur über Stür­me und Über­schwem­mun­gen, aber wir wer­den uns auch dar­auf ein­rich­ten müs­sen, dass sich vie­le Mil­lio­nen Men­schen in Bewe­gung set­zen wer­den“, mahnt er. Vie­le Gebie­te rund um den Äqua­tor wür­den dann schlicht nicht mehr bewohn­bar sein. Die­ses Sze­na­rio, das dro­he, wenn zu wenig in der Kli­ma­po­li­tik gemacht wer­de, müss­te laut Hol­ler aus Grün­den der Ehr­lich­keit stär­ker im poli­ti­schen Dis­kurs vorkommen.

Abge­se­hen davon glaubt Hol­ler aber, dass es Vie­les gebe, was auch der Ein­zel­ne tun kön­ne und müs­se. „Man muss sich kri­tisch infor­mie­ren. Sich die Details anschau­en. Wir wer­den uns mit Ener­gie und den Zah­len dazu aus­ein­an­der­set­zen müs­sen“, sagt er. Hol­ler selbst blickt in die Zukunft übri­gens mit gemisch­ten Gefüh­len, ist laut eige­ner Aus­sa­ge aber opti­mis­ti­scher als frü­her. „Wir haben lang­sam einen öko­no­mi­schen Wan­del, in dem grü­ner Strom von sich aus auch ohne Sub­ven­tio­nen inter­es­sant wird. Der Strom aus Son­ne ist in den meis­ten Gegen­den inzwi­schen güns­ti­ger als Koh­le­strom. Dass wir es bis 2035 schaf­fen wer­den, kli­ma­neu­tral zu sein, wird extrem schwie­rig. Aber dass es uns etwas spä­ter gelin­gen kann, den­ke ich schon.“

„Erneu­er­ba­re Ener­gien zum Ver­ste­hen und Mit­re­den“ (176 Sei­ten, ISBN: 9783570104583) ist im Ber­tels­mann-Ver­lag erschie­nen und ist zum Preis von 18 Euro als Taschen­buch erhältlich.