Foto: Sammlung Niedermeier

HPN im Interview

„Das erfüllt mich lebenslang mit Dankbarkeit und Glückseligkeit“

Veröffentlicht am 3. Oktober 2021 von David Grzeschik

Über Jahr­zehn­te hin­weg war er das Gesicht des Begab­ten­för­der­insti­tuts der Hanns-Sei­del-Stif­tung: Prof. Hans-Peter Nie­der­mei­er, vie­len auch bekannt als HPN. Im Inter­view mit Ban­zia­na Online blickt Nie­der­mei­er zurück auf sei­ne Anfän­ge bei der Stif­tung, erklärt, wel­che Bedeu­tung für ihn Kul­tur­för­de­rung hat und ver­rät, wie er der Stif­tung in Zukunft erhal­ten blei­ben möch­te.

Hans-Peter, Anfang der 80er Jah­re begann dei­ne Lauf­bahn bei der Hanns-Sei­del-Stif­tung. Was waren damals dei­ne Auf­ga­ben bei der Stif­tung?
Ich fing damals in der Pres­se- und Öffent­lich­keits­ar­beit der Stif­tung an. Ich konn­te die Stif­tungs­lei­tung davon über­zeu­gen, mir zusätz­lich noch Arbeits­schwer­punk­te in den Berei­chen Jugend­pres­se und För­de­rung von Nach­wuchs­jour­na­lis­ten zu geneh­mi­gen. Als kurz nach mei­nem Amts­an­tritt auch die Stu­di­en­för­de­rung und die Pro­mo­ti­ons­för­de­rung gestar­tet wur­de, unter­stütz­te ich die Auf­bau­ar­beit in die­sem Tätig­keits­feld. Zusam­men mit Dr. Otto Wies­heu, dem spä­te­ren baye­ri­schen Wirt­schafts­mi­nis­ter, habe ich ein sozia­les Hilfs­pro­jekt unter dem Namen „HELP – Deut­sche hel­fen Afgha­ni­stan“ organisiert.

Hans-Peter Nie­der­mei­er im Jahr 1988. Foto: HSS Archiv

Im Jah­re 1991 wur­dest du Lei­ters des Insti­tuts für Begab­ten­för­de­rung. Wel­che Bedeu­tung hat Bil­dung und Wis­sen­schaft für unse­ren Staat und unse­re Gesell­schaft?
Ein Land wie die Bun­des­re­pu­blik, das nur weni­ge Roh­stof­fe besitzt, ist mehr als ande­re Staa­ten auf Kön­nen, Krea­ti­vi­tät und Bega­bung sei­ner Bür­ge­rin­nen und Bür­ger ange­wie­sen. Sie sind eigent­lich der größ­te Reich­tum unse­res Landes.Wir müs­sen auf Bil­dung, For­schung und Tech­no­lo­gie set­zen. Dazu sind mög­lichst gute Ent­wick­lungs­be­din­gun­gen not­wen­dig. Nur so kön­nen in ange­mes­se­ner Wei­se mög­lichst vie­le wis­sen­schaft­li­che Kennt­nis­se an die nächs­ten Genera­tio­nen wei­ter­ge­ge­ben werden.

Du giltst als einer der größ­ten Ver­fech­ter einer mög­lichst engen Zusam­men­ar­beit der 13 Begab­ten­för­der­wer­ke in Deutsch­land. War­um war dir das so wich­tig?
Trotz ihrer welt­an­schau­li­chen Unter­schie­de füh­len sich alle Wer­ke den Wer­ten eines frei­heit­li­chen, demo­kra­ti­schen und sozia­len Rechts­staats sowie dem Gemein­wohl ver­pflich­tet. Wir sind gemein­sam am gesell­schaft­li­chen Gan­zen ori­en­tiert, und zwar stets auch im Lich­te der inter­na­tio­na­len Ver­ant­wor­tung gese­hen, etwa im Ein­satz für Men­schen­rech­te, sozia­le Gerech­tig­keit, Demo­kra­tie, Natur- und Kli­ma­schutz etc. Ein kol­le­gia­les und ver­trau­ens­vol­les Zusam­men­wir­ken der Begab­ten­för­der­wer­ke ist eine wesent­li­che Vor­aus­set­zung für eine best­mög­li­che Inter­es­sen­ver­tre­tung der uns gemein­sam anver­trau­ten jun­gen wis­sen­schaft­li­chen Talente.

Die HSS und beson­ders auch du sind seit meh­re­ren Jahr­zehn­ten nicht nur in der Begabten‑, son­dern auch in der Kul­tur­för­de­rung tätig. Wie­so?
Eine groß­ar­ti­ge Erwei­te­rung unse­rer poli­ti­schen Arbeit! Neben dem umfang­rei­chen Bil­dungs­auf­trag, den die HSS im In- und Aus­land durch­führt, sind uns auch die Kul­tur­pfle­ge und die Begab­ten­för­de­rung wich­ti­ge Anlie­gen. Jede Abtei­lung der Stif­tung ist des­halb auch im Kul­tur­be­reich tätig. Mein Insti­tut und ich sind seit dem Start der Lie­der­ma­cher-Open-Airs auf der Klos­ter­wie­se von Banz im Jah­re 1987 Mit­ver­an­stal­ter der „Songs an einem Som­mer­abend“ und spä­ter der „Lie­der auf Banz“.

Hans-Peter Nie­der­mei­er am Flü­gel mit Blick auf Klos­ter Banz. Foto: Samm­lung Niedermeier 

War­um för­dert eine poli­ti­sche Stif­tung ins­be­son­de­re jun­ge Lie­der­ma­che­rin­nen und Lie­der­ma­cher?
Wir wol­len damit eini­ge ein­ge­fah­re­ne Glei­se des Kul­tur­be­triebs auf­bre­chen und jun­gen Talen­ten einen Weg zur Kar­rie­re im Kul­tur­be­reich ebnen. Zur Kul­tur­pfle­ge und zur Begab­ten­för­de­rung gehört mei­nes Erach­tens auch die Unter­stüt­zung jun­ger Lie­der­ma­che­rin­nen und Lie­der­ma­cher in ihrem Bestre­ben, sich jen­seits des „Haupt­stroms“ moder­ner Schla­ger- und Pop­mu­sik zu behaup­ten. Für mich war und ist es sehr beein­dru­ckend zu sehen, was aus den ein­zel­nen Künst­le­rin­nen und Künst­lern gewor­den ist, die den „För­der­preis der HSS für jun­ge Song­poe­ten“ erhal­ten haben. Mit die­sem Preis möch­te die HSS ein güns­ti­ges Kli­ma für jun­ge Talen­te in der Lie­der­ma­cher­sze­ne schaffen.

Was ist das Beson­de­re an die­sem Musik-Open-Air auf der Klos­ter­wie­se von Banz?
Die Klos­ter­wie­se mit Blick auf Klos­ter Banz, Klos­ter Vier­zehn­hei­li­gen und die Städ­te Lich­ten­fels und Bad Staf­fel­stein hat tat­säch­lich ein beson­de­res Flair. „Songs an einem Som­mer­abend“ und „Lie­der auf Banz – ein Abend mit Freun­den“ sind groß­ar­ti­ge Kul­tur­events. Neben dem künst­le­ri­schen Hoch­ge­nuss und der musi­ka­li­schen Krea­ti­vi­tät ist für mich eines beson­ders ein­drucks­voll bei die­sem Open-Air der Lie­der­ma­che­rin­nen und Lie­der­ma­cher: Das erfolg­rei­che gemein­sa­me Bemü­hen, die Begrif­fe „künst­le­ri­sche Frei­heit“, „Frei­heit des Wor­tes“ und vor allem Tole­ranz mit Leben zu erfül­len. Wie gut Respekt, gegen­sei­ti­ge Ach­tung und sogar Freund­schaft zwi­schen Men­schen, die gegen­sätz­li­che poli­ti­sche Mei­nun­gen ver­tre­ten, gedei­hen kann, wenn man die Musik als eini­gen­des Band auf sich und ande­re wir­ken lässt – die­se Erkennt­nis gewinnt man auf Banz schnell!

Reden wir über die Spal­tung in den Gesell­schaf­ten Euro­pas und der USA. Wäre dort der „Ban­zer Geist der Tole­ranz“ hilf­reich?
Es wäre groß­ar­tig, wenn die­ses eini­gen­de Band der Tole­ranz und Welt­of­fen­heit mög­lichst vie­le Men­schen und Ent­schei­dungs­trä­ger in mög­lichst vie­len Gesell­schaf­ten und Staa­ten umspan­nen könn­te. Das gemein­sa­me Ein­tre­ten gegen die Demo­kra­tie­fein­de von rechts und von links ist not­wen­dig und wich­tig! Vor die­sem poli­ti­schen Hin­ter­grund stim­me ich dem Lie­der­ma­cher Kon­stan­tin Wecker zu, wenn er auf der Klos­ter­wie­se in sei­nem Lied „Ques­ta nuo­va real­ta“ an uns appel­liert: „Freun­de, rücken wir zusam­men, denn es zün­geln schon die Flam­men, und die Dumm­heit macht sich wie­der ein­mal breit. Lasst uns mit­ein­an­der reden, und umar­men wir jetzt jeden, der uns braucht, in die­ser bit­ter­kal­ten Zeit“!

Was kön­nen Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten kon­kret für die Stär­kung unse­rer Demo­kra­tie leis­ten?
Jun­ge Men­schen, die das Glück hat­ten, das bis­he­ri­ge Leben in Frei­heit, in einem demo­kra­ti­schen Recht­staat zu leben, nei­gen dazu zu glau­ben, dies sei alles selbst­ver­ständ­lich. Dies ist es aber nicht. Jun­ge Men­schen müs­sen sich selbst enga­giert für den Fort­be­stand des demo­kra­ti­schen Rechts­staats, der Frei­heit und des Frie­dens aktiv ein­set­zen. Die­ses Enga­ge­ment kann im par­tei­po­li­ti­schen, im sozia­len oder im kirch­li­chen Bereich sowie in Form von Tätig­kei­ten in Ver­ei­nen und Ver­bän­den gesche­hen. Und zu guter Letzt: Gera­de jun­ge Men­schen kön­nen und sol­len ein wert­vol­les Bekennt­nis zu unse­rer Demo­kra­tie geben, indem sie ihr per­sön­li­ches Umfeld moti­vie­ren, sich enga­giert gegen die Fein­de unse­rer Demo­kra­tie zur Wehr zu setzen.

Hans-Peter Nie­der­mei­er – in der HSS-Fami­lie all­ge­mein bekannt als HPN. Foto: Samm­lung Niedermeier

Du hast sicher­lich vie­le inter­es­san­te Men­schen im Lau­fe dei­nes Lebens ken­nen­ge­lernt. Wer hat dich am meis­ten beein­druckt?
Tat­säch­lich habe ich vie­le Men­schen ken­nen- und wert­schät­zen gelernt, denen ich auf­grund ihrer Cha­rak­ter­fes­tig­keit, ihrer Per­sön­lich­keit und ihres Enga­ge­ments sogar Bewun­de­rung ent­ge­gen­brin­ge. Cora­zon Aqui­no, die frü­he­re Prä­si­den­tin der Phil­ip­pi­nen, gehört eben­so dazu wie der jet­zi­ge rumä­ni­sche Staats­prä­si­dent Klaus Johan­nis. Beson­ders dank­bar bin ich für die sehr bewe­gen­den Gesprä­che mit den Holo­caust-Über­le­ben­den Max Mann­hei­mer und Esther Beja­ra­no, die lei­der vor kur­zem ver­stor­ben ist. Zwei groß­ar­ti­ge Men­schen, Mah­ner und Vor­bil­der! Dr. Theo Wai­gel, Dr. Otto Wies­heu und Dr. Gerd Mül­ler als Rat­ge­ber und lang­jäh­ri­ge treue Freun­de an mei­ner Sei­te zu wis­sen, hat mir stets Mut und Zuver­sicht gegeben!

Bei den „Songs an einem Som­mer­abend“ habe ich vie­le groß­ar­ti­ge Künst­le­rin­nen und Künst­ler ken­nen­ler­nen dür­fen. Auch die Bekannt­schaft mit der Trä­ge­rin des Frie­dens­no­bel­prei­ses, Nadia Murat, zäh­le ich eben­so zu einem High­light mei­nes Lebens wie die enge Zusam­men­ar­beit mit Düzen Tek­kal, einer – gleich­sam wie Nadia Murat – bemer­kens­wer­ten Kämp­fe­rin für das Über­le­ben des Vol­kes der Jesi­den. Aber abseits von all die­sen Pro­mis: Jun­gen, gesell­schaft­lich enga­gier­ten Talen­ten im Bil­dungs- und Kul­tur­be­reich zu hel­fen, ihre Wur­zeln zu stär­ken und ihre Flü­gel zu wei­ten, war und ist für mich das größ­te Pri­vi­leg. Die­se schö­ne, ver­ant­wor­tungs­vol­le Auf­ga­be über vie­le Jahr­zehn­te erfül­len und gestal­ten zu dür­fen, erfüllt mich lebens­lang mit Dank­bar­keit und Glückseligkeit!

Wie wird es für dich wei­ter­ge­hen? Wirst du der wis­sen­schaft­li­chen Begab­ten­för­de­rung und der Talent­för­de­rung im Kul­tur­be­reich wei­ter­hin ver­bun­den blei­ben – und wenn ja, in wel­cher Form?
Ja, ich wer­de in bei­den Berei­chen tätig blei­ben; und dies sowohl im In- wie auch im Aus­land. Zusam­men mit ver­schie­de­nen Begab­ten­för­der­wer­ken und ande­ren Insti­tu­tio­nen wer­de ich dem­nächst eini­ge Pro­jek­te umzu­set­zen ver­su­chen. Mit meh­re­ren Hoch­schu­len, unter ande­rem der in Mitt­wei­da, wer­de ich neue inter­na­tio­na­le Stu­di­en­gän­ge auf­bau­en und wei­ter­ent­wi­ckeln. Auch im Bereich der För­de­rung jun­ger Lie­der­ma­che­rin­nen und Lie­der­ma­cher habe ich für das nächs­te Jahr Eini­ges vor. Fazit: Ich bin hoch moti­viert!

Hans-Peter, ich dan­ke dir für das Gespräch.

Als Lei­ter des Insti­tuts für Begab­ten­för­de­rung hat Hans-Peter Nie­der­mei­er Genera­tio­nen von Sti­pen­dia­tin­nen und Sti­pen­dia­ten geprägt. Im Audio-Inter­view ver­ra­ten die Alt­sti­pen­dia­ten Alex­an­der Kropp und Phil­ip Kunt­sch­ner sowie Sti­pen­dia­tin Miri­am Stra­ßer, was ihnen zu HPN einfällt.