Blick in einen Ausstellungsbereich des DDR-Museums (Foto: Alexander Kropp)

Reise durch die neuere deutsche Geschichte

Auf Spurensuche in Berlin

Veröffentlicht am 3. Oktober 2021 von Heidi Rahn/Volker Göbner

Die Deut­sche Geschich­te im 20. Jahr­hun­dert ist eine Geschich­te von Kon­ti­nui­tät und Brü­chen bis hin zum Völ­ker­mord an den euro­päi­schen Juden. Drei ver­schie­de­ne poli­ti­sche Sys­te­me in Deutsch­land – Mon­ar­chie (Kai­ser­reich), Dik­ta­tur (Drit­tes Reich/DDR) und par­la­men­ta­ri­sche Demo­kra­tie in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land – haben der deut­schen wie der euro­päi­schen Geschich­te ihren Stem­pel aufgedrückt.

Die­se neue­re Geschich­te beleuch­ten – wo kann dies bes­ser gesche­hen als in der deut­schen Haupt­stadt Ber­lin? Und wie kann die heu­ti­ge Genera­ti­on – die nach 1990 Gebo­re­nen – die Zeit in den knapp ein­hun­dert Jah­ren davor muse­al erle­ben? Wie wird an die­se Zeit erin­nert, wie gehen wir Deut­sche mit die­ser Geschich­te um? In Aus­stel­lun­gen, in Muse­en und mit Zeit­zeu­gen erleb­ten Sti­pen­dia­ten der Hanns-Sei­del-Stif­tung bei einem Semi­nar Ende Sep­tem­ber 2021 die Deut­sche Geschich­te des 20. Jahrhunderts.

Ber­lin als deut­sche Haupt­stadt bün­delt die­se Geschich­te wie ein Brenn­glas. Als Haupt­stadt ab 1871 im Kai­ser­reich, in der Wei­ma­rer Zeit, der Nazi­zeit und der DDR-Zeit (der Ost­teil war „Haupt­stadt der DDR“) ver­bin­det sie Lokal­ge­schich­te, Natio­nal­ge­schich­te und Weltgeschichte.

Wer die Ver­gan­gen­heit nicht kennt, kann die Gegen­wart nicht ver­ste­hen. Wer die Gegen­wart nicht ver­steht, kann die Zukunft nicht gestalten.

Hel­mut Kohl

„Die deut­sche Fra­ge ist solan­ge offen, solan­ge das Bran­den­bur­ger Tor geschlos­sen ist.“ Die­sen Satz sag­te einst Richard von Weiz­sä­cker, Regie­ren­der Bür­ger­meis­ter von Ber­lin von 1981 bis 1984 und sechs­ter Bun­des­prä­si­dent (1984 bis 1994) des spä­ter wie­der­ver­ein­ten Deutsch­lands. So war die deut­sche Fra­ge immer auch eine welt­po­li­ti­sche Frage.

„Wir leben in einer Dik­ta­tur. Wir bewe­gen uns in Rich­tung einer Dik­ta­tur“, behaup­ten bestimm­te poli­ti­sche Grup­pen am Ran­de der Gesell­schaft heu­te ger­ne. „Gera­de des­halb ist es ganz wich­tig, jun­gen Men­schen – auch jun­gen Sti­pen­dia­ten – klar­zu­ma­chen, was eine Dik­ta­tur wirk­lich ist, was Dik­ta­tur wirk­lich bedeu­tet – für die Gesell­schaft und die ein­zel­nen Men­schen“, betont Alex­an­der Kropp, His­to­ri­ker, HSS-Alt­sti­pen­di­at und Semi­nar­lei­ter die­ser Exkur­si­on in Berlin.

Die Täter-Sei­te, die Opfer-Sei­te, die Schau-Sei­te – die Sti­pen­dia­ten haben unter­schied­li­che Sei­ten gese­hen, ver­schie­de­ne Aspek­te und Per­spek­ti­ven beleuch­tet. Vie­le neue, per­sön­li­che Fra­gen tauch­ten da auf: Wie hät­te ich in der dama­li­gen Zeit reagiert? Muss ich, will ich mich anpas­sen – und wie­weit? Wäre ich mit­ge­lau­fen oder hät­te ich mich wider­setzt? Auch wenn das Lebens­ge­fahr für mich, Vater, Mut­ter und Geschwis­ter bedeu­tet hätte?

„Wir sind in einer Demo­kra­tie auf­ge­wach­sen. Wir muss­ten uns die­se Fra­ge nicht stel­len“, so Alex­an­der Kropp stell­ver­tre­tend für inzwi­schen meh­re­re Generationen.

Ein Stadt­rund­gang durch Ber­lin-Mit­te eröff­ne­te die „Erin­ne­rungs­kul­tur im öffent­li­chen Raum“. Im „Trä­nen­pa­last“, dem Abfer­ti­gungs­ge­bäu­de für die Aus­rei­se aus der DDR, direkt am Bahn­hof Fried­rich­stra­ße, konn­ten die Sti­pen­dia­ten haut­nah erle­ben, wie das damals war. Die Grenz­an­la­ge mit Kame­ras, Grenz­po­li­zis­ten mit Geweh­ren, die ste­te Über­wa­chung, die Beklem­mung, die Unfrei­heit – das Sys­tem, das Men­schen einsperrte.

Am Bran­den­bur­ger Tor ist die Atmo­sphä­re eher durch Tru­bel geprägt, als dass die­ses Sym­bol der Tei­lung UND der Ein­heit Deutsch­lands spür­bar wäre. Anders ein paar Schrit­te wei­ter beim Holo­caust-Mahn­mal, im ehe­ma­li­gen Todes­strei­fen mit­ten in Berlin.

Die Aus­stel­lung „Mythos Ger­ma­nia“ zeig­te die Schau-Sei­te der Nazi-Dik­ta­tur: Prunk­bau­ten im Modell, die Reichs­haupt­stadt-Pla­nung von Albert Speer und Adolf Hit­ler, die die Gegen­sät­ze deut­lich auf­zei­gen. Kropp hat die Aus­stel­lung als His­to­ri­ker mit­ge­stal­tet. Kein Pro­blem für ihn, Betrof­fen­heit bei den Sti­pen­dia­ten zu erzeu­gen – ob sol­chen Grö­ßen­wahns einer­seits oder der Ver­skla­vung der Men­schen andererseits.

Die Gedenk­stät­te „Deut­scher Wider­stand“ im Bend­ler-Block, wo Stauf­fen­berg den Umsturz vom 20. Juli 1944 orga­ni­siert hat und umset­zen woll­te, the­ma­ti­siert den Wider­stand gegen das Nazi-Régime – nicht nur den mili­tä­ri­schen, auch den Wider­stand von Jugend­li­chen und von jun­gen Menschen.

Das Hum­boldt-Forum mit dem wie­der­auf­ge­bau­ten Stadt­schloss ist innen ein sehr moder­ner Bau. Die rekon­stru­ier­ten Barock­fas­sa­den haben eine wich­ti­ge archi­tek­to­ni­sche und städ­te­bau­li­che, aber auch musea­le Funk­ti­on. Nicht nur für die Sti­pen­dia­ten war (bzw. ist) die Inten­ti­on die­ses Hum­boldt-Forums inter­es­sant: Ein Welt­mu­se­um, das aber auch die Geschich­te die­ses Ortes präsentiert.

Schon die­se klei­ne Auf­zäh­lung zeigt, wie dicht und viel­fäl­tig das Pro­gramm für eine Stu­di­en­fahrt war. Es zeigt aber auch, dass es sich immer lohnt, sich mit Geschich­te zu beschäf­ti­gen. Geschich­te ist alles ande­re als tro­cke­ne Mate­rie mit Zah­len und Daten. Dahin­ter ste­hen immer auch Men­schen, Ent­wick­lun­gen und Zusam­men­hän­ge. „Um die Gegen­wart ver­ste­hen zu kön­nen, muss ich die Ver­gan­gen­heit ken­nen“, betont Alex­an­der Kropp, der lan­ge auch in der Bun­des­tags­ver­wal­tung in Ber­lin tätig war. Die Inten­ti­on die­ses inten­si­ven HSS-Semi­nars, das mit unter­schied­li­chen Schwer­punk­ten schon zum vier­ten Mal statt­ge­fun­den hat, ist: Geschich­te zei­gen, für Geschich­te sensibilisieren.

Impressionen

Fotos: Isa­bel Küfer/HSS, Alex­an­der Kropp