Gründergeist

App auf Rezept

Veröffentlicht am 20. Juli 2022 von Lucia Michel

Mit einer App das Leben tau­sen­der Pati­en­ten ver­bes­sern – aus einer anfäng­li­chen Idee wuchs in Tobi­as Heu­sin­ger, Maxi­me le Mai­re und Johan­nes Rauf­ei­sen eine Visi­on. Seit einem Jahr ent­wi­ckeln die drei Co-Foun­der eine neue Markt­lö­sung für Mor­bus Bech­te­rew Pati­en­ten – und erhiel­ten hier­für im April 2022 den Grün­der­preis für Digi­ta­le Inno­va­tio­nen des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Wirtschaft.

Tobi­as Heu­sin­ger ist Medi­zin­stu­dent, Sti­pen­di­at der Hanns-Sei­del-Stif­tung und einer der drei Grün­der der im Novem­ber 2021 gegrün­de­ten App­li­me­da GmbH. Gemein­sam mit dem Medi­zin­stu­den­ten Maxi­me le Mai­re und dem Infor­ma­ti­ker Johan­nes Rauf­ei­sen ent­wi­ckelt der 25-Jäh­ri­ge eine „App auf Rezept“ für an Mor­bus Bech­te­rew Erkrank­te. Das Vor­ha­ben wur­de im April vom Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Wirt­schaft mit dem Grün­dungs­preis für Digi­ta­le Inno­va­tio­nen ausgezeichnet.

Deutsch­land­weit sind über 250 Tau­send Men­schen, in der Regel bereits ab dem jun­gen Erwach­se­nen­al­ter, von der unheil­ba­ren rheu­ma­ti­schen Krank­heit der Wir­bel­säu­le betrof­fen. Eine frü­he und umfas­sen­de The­ra­pie, die neben Medi­ka­men­ten vor allem in einer inten­si­ven Bewe­gungs­the­ra­pie besteht, kann den Krank­heits­ver­lauf dabei güns­tig beein­flus­sen. Aktu­ell füh­ren jedoch über zwei Drit­tel der betrof­fe­nen Pati­en­ten die für sie essen­zi­el­le Bewe­gungs­the­ra­pie unzu­rei­chend oder gar nicht durch. Das Aus­blei­ben einer medi­zi­nisch indi­zier­ten, opti­ma­len Bewe­gungs­the­ra­pie hat sehr häu­fig schwe­re Aus­wir­kun­gen auf Betrof­fe­ne: Oft wird der Ein­satz har­ter, immun­sup­pri­mie­ren­der Medi­ka­men­te nötig, es kommt zu erheb­li­chen Schmer­zen, lang­fris­ti­gen Ver­stei­fun­gen der Wir­bel­säu­le und nicht zuletzt häu­fig zu Berufs­un­fä­hig­keit und einer stark ein­ge­schränk­ten Lebensqualität.

Wirksamkeit und Nutzen müssen nachgewiesen werden

Die als Digi­ta­le Gesund­heits­an­wen­dung ent­wi­ckel­te Mor­bus Bech­te­rew Smart­pho­ne-App soll genau hier anset­zen und durch ein smar­tes Usa­bi­li­ty Kon­zept mit moti­vie­ren­der Anlei­tung zu einer lang­fris­tig durch­ge­führ­ten, wis­sen­schafts­ba­sier­ten Bewe­gungs­the­ra­pie die Lebens­qua­li­tät der Betrof­fe­nen nach­weis­lich ver­bes­sern. Erst seit knapp zwei Jah­ren gibt es hier­für in Deutsch­land als ers­tem Lan­de der Welt eine Geset­zes­grund­la­ge, wel­che ermög­licht, dass digi­ta­le Gesund­heits­an­wen­dun­gen von Ärz­ten „wie ein Medi­ka­ment“ auf Rezept ver­schrie­ben und von den gesetz­li­chen Kran­ken­kas­sen voll­stän­dig erstat­tet wer­den kön­nen – eine Inno­va­ti­on mit enor­mem Zukunfts­po­ten­ti­al. Die Zulas­sung einer App als sog. „DiGA“ (Digi­ta­le Gesund­heits­an­wen­dung) geht mit eini­gen, nicht tri­via­len regu­la­to­ri­schen Anfor­de­run­gen einher.

Um die Erstat­tungs­fä­hig­keit einer sol­chen Gesund­heits­an­wen­dung zu erwir­ken, muss die Wirk­sam­keit und der Nut­zen für den Pati­en­ten in einer wis­sen­schaft­li­chen Stu­die mit Betrof­fe­nen unter Ein­hal­tung hoher Stan­dards nach­ge­wie­sen wer­den. Als Medi­zin­stu­den­ten der Uni­ver­si­tät in Würz­burg gin­gen Tobi­as Heu­sin­ger und Maxi­me le Mai­re mit ihrer Visi­on – damals noch ohne App – auf die Rheu­makli­nik der dor­ti­gen Uni­ver­si­täts­kli­nik zu und frag­ten die Mög­lich­keit an, gemein­sam eine ent­spre­chen­de Stu­die auf die Bei­ne zu stel­len und durchzuführen.

Kooperation mit Patientenverband

Begeis­tert von der zunächst unge­wöhn­li­chen Anfra­ge durch die bei­den Stu­den­ten plan­te man dar­auf­hin in einer eigens geschaf­fe­nen Bech­te­rew-Arbeits­grup­pe eine Stu­die mit über 200 Pati­en­ten, deren Start nach Fer­tig­stel­lung der App noch Ende 2022 geplant ist. Dar­über hin­aus konn­ten Heu­sin­ger und Co. die ansäs­si­gen Rheu­ma­to­lo­gen als enge Part­ner und inten­siv ein­ge­bun­de­ne Rat­ge­ber für die medi­zi­nisch-fach­li­che Gestal­tung der App gewinnen.

Eine wei­te­re, beson­ders enge Koope­ra­ti­on ent­wi­ckel­te sich mit der Deut­schen Ver­ei­ni­gung Mor­bus Bech­te­rew e.V. („DVMB“), dem deutsch­land­wei­ten Pati­en­ten­ver­band mit etwa 14.000 Mit­glie­dern. Tobi­as Heu­sin­ger und Maxi­me le Mai­re führ­ten gemein­sam mit der Uni­kli­nik Würz­burg unter den Mit­glie­dern eine, mitt­ler­wei­le in ein­schlä­gi­ger Fach­li­te­ra­tur publi­zier­te, Umfra­ge mit mehr als 430 Pati­en­ten durch, wel­che den Bedarf nach einer App beleg­te und von Pati­en­ten gewünsch­te Inhal­te für eine „Mor­bus Bech­te­rew App“ unter­such­te. Mit­glie­der der DVMB wur­den und wer­den im Wei­te­ren bestän­dig in die Ent­wick­lung der App mit ein­be­zo­gen und so sicher­ge­stellt, dass die bereit­ge­stell­ten Funk­tio­nen die Bedürf­nis­se betrof­fe­ner Pati­en­ten erfüllt.

Wäh­rend der aktu­ell lau­fen­den Pro­gram­mie­rung der App berück­sich­ti­gen Tobi­as Heu­sin­ger und sei­ne Mit­strei­ter die Vor­ga­ben der neu­en Medi­zin­pro­duk­te-Ver­ord­nung (EU-Ver­ord­nung 2017/745), wel­che unter ande­rem ein Qua­li­täts­ma­nage­ment­sys­tem und eine aus­führ­li­che Tech­ni­sche Doku­men­ta­ti­on ver­langt. Denn nur CE-zer­tif­zier­te Medi­zin­pro­duk­te, die hin­sicht­lich des Daten­schut­zes und der Infor­ma­ti­ons­si­cher­heit höchs­ten Anfor­de­run­gen genü­gen, kön­nen als DiGAs von Ärz­ten ver­schrie­ben wer­den. Gelingt es schließ­lich den erwar­te­ten Nut­zen der App in der bald statt­fin­den­den Stu­die nach­zu­wei­sen, kann die App im Lau­fe des kom­men­den Jah­res von Ärz­ten ver­schrie­ben und damit jedem Pati­en­ten mit Mor­bus Bech­te­rew kos­ten­los zur Ver­fü­gung gestellt werden.